Public Affairs schützt nicht nur den Wert eines Unternehmens– es schafft ihn. Es baut Vertrauen auf und stärkt die gesellschaftliche Legitimation.
Wie viel Zeit investieren Sie in Public Affairs? Steht das Thema auf Ihrer Agenda – oder blenden Sie es aus Zeitmangel aus? Letzteres ist keine gute Idee.
Technologischer Wandel, geopolitische Unsicherheit und gesellschaftlicher Aktivismus haben die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum verwischt. Soziale Medien verstärken das Misstrauen gegenüber Institutionen, während Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zunehmend in den Fokus rücken und unternehmerisches Handeln zu einem öffentlichen Anliegen machen. Gleichzeitig gewinnt der Staat wieder an Einfluss. Die Regulierung verschärft sich. Staatliche Eingriffe nehmen zu. Und nie zuvor war die Erwartung grösser, dass sich Unternehmen an nationale und gesellschaftliche Prioritäten anpassen.
Public Affairs hat sich von einer taktischen in eine existenzielle Funktion gewandelt. Vor diesem Hintergrund ist Public Affairs zum strategischen Nervensystem geworden, das die internen Prioritäten eines Unternehmens mit dessen externer Realität verbindet. Es ermöglicht CEOs, politische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, gesellschaftliche Signale zu deuten und die „Licence to Operate“ in einem zunehmend politisierten Marktumfeld zu sichern. Es geht um unternehmerisches Überleben, Legitimität und Führung.
Public Affairs: Vom Reagieren zum Gestalten – eine CEO-Pflicht
Noch immer erachten viele CEOs die Politik als „Hintergrundrauschen“ – unvermeidlich, aber nebensächlich. Sie kennen ihre wichtigsten Kunden und Marktrisiken, aber nicht ihre Abgeordneten oder zentrale Ansprechpartner in Behörden. Politische Beziehungen werden an Lobbyisten delegiert – und abgehakt. Diese Haltung ist nicht mehr tragfähig. Staatliche Entscheidungen können den Unternehmenswert heute ebenso schnell verändern wie eine Innovation des Wettbewerbs. Preisregulierungen, Steuerpolitik, Handelsbeschränkungen, Datenlokalisierung und Nachhaltigkeitsvorgaben können ganze Branchen über Nacht neu definieren.
Ein gut vorbereiteter, gut getimter Dialog zwischen CEO und politischen Entscheidungsträgern kann deutlich machen, wie sich Regulierung in der Praxis auswirkt – etwa auf Arbeitsplätze, Steuern oder regionale Wertschöpfung. Nicht alle Mandatsträger haben praktische Erfahrung in der Unternehmensführung; fundierte Gespräche mit Branchenvertretern können ihr Verständnis und ihre Entscheidungen massgeblich beeinflussen.
Public Affairs früher und heute:
Werfen wir einen Blick zurück: Vor zwanzig Jahren beobachteten Public-Affairs-Abteilungen hauptsächlich Gesetzgebungsverfahren, gaben Warnungen aus und verteidigten Unternehmensinteressen. Dieses defensive Denken ist überholt. Zukunftsorientierte Unternehmen verankern Public Affairs in der Strategie – sie antizipieren Entwicklungen, gestalten Ergebnisse mit und identifizieren Chancen.
Aktuelle Studie von McKinsey zeigt drei zentrale Trends, die das Umfeld prägen:
- Geopolitik als Geschäftsvariable
Regierungen setzen Zölle, Sanktionen und Industriepolitik zunehmend als strategische Instrumente ein. - Wachsende Geschwindigkeit und Reichweite von Regulierung
Politische Entscheidungen werden schneller, unvorhersehbarer und teils über soziale Medien kommuniziert. - Steigende Erwartungen an wirtschaftliche „Patriotismus“
Unternehmen sollen Arbeitsplätze schaffen, lokal investieren und nationale Interessen unterstützen.
Führen durch Public Affairs – was CEOs jetzt tun müssen:
- Die Story schärfen: Eine klare, glaubwürdige Geschichte über den gesellschaftlichen Beitrag des Unternehmens entwickeln.
- Mit Wissen führen, nicht mit Forderungen: Regierungen reagieren besser auf Partner als auf Bittsteller.
- Sprache anpassen: Begriffe wie „Advocacy“ wirken in Europa oft angemessener als „Lobbying“.
- Tonlage steuern: Je nach politischer Lage die Sichtbarkeit dosieren – Prinzipien beibehalten, das Timing anpassen.
- Die CEO-Stimme in Public Affairs gezielt einsetzen: Wenn ein CEO spricht, hört die Politik anders zu – er oder sie repräsentiert das Unternehmen, die Investoren des Unternehmens und die Gesellschaft.
Von Lobbying zu Legitimität
Die Zeiten, in denen Regierungsbeziehungen eine Randfunktion waren, sind vorbei. Public Affairs gehört heute an den Strategietisch – neben Finanzen, Operations und Innovation. Oder um es anders zu formulieren: „Wenn Sie als CEO den Kontakt mit der Regierung nicht mögen – lernen Sie, ihn zu mögen.“
Public Affairs schützt nicht nur den Wert eines Unternehmens– es schafft ihn. Es baut Vertrauen auf, stärkt die gesellschaftliche Legitimation und befähigt Führungskräfte, verantwortungsvoll in einer Welt zu agieren, in der Wirtschaft und Gesellschaft eng miteinander verflochten sind.
