Die wahre Kunst der Führung liegt nicht darin, dem Glück hinterherzulaufen, sondern darin, zu erkennen, wann es uns längst gefunden hat.
„Im Grunde jagt man zuerst dem Erfolg hinterher, dann dem Glück – doch meist verpasst man das Glück auf dem Weg zum Erfolg.“ Diesen Satz las ich kürzlich in der Zeit – und er blieb hängen.
Er klang für mich nach mehr als nur einer Beobachtung über Ehrgeiz. Er war ein Spiegel für das Wesen der Führung an sich.
- Führungskräfte und CEOs werden darauf trainiert, Erfolg zu messen und zu maximieren. Strategiepapiere, KPIs und Investorenpräsentationen sind darauf ausgelegt, Leistung zu quantifizieren. Wachstum, Marktanteile, Innovationskraft, Rendite – sie sind die sichtbaren Trophäen des Fortschritts. Doch irgendwo auf diesem Weg geht oft etwas Leises, aber Wesentliches verloren: das Bewusstsein für Glück, Freude und Dankbarkeit – jene Qualitäten, die Erfolg erst mit Sinn und Tiefe füllen.
- Ironischerweise schaffen Führungskräfte oft Glück für andere. Sie öffnen Märkte, inspirieren Teams, gestalten Chancen, deren Wirkung weit über sie selbst hinausreicht. Doch im Prozess verlieren sie nicht selten den Kontakt zu ihrem eigenen Erleben von Glück – dem Bewusstsein, dass nicht alles verdient, sondern manches geschenkt ist. Dass Timing, Vertrauen und Umstände oft ebenso entscheidend sind wie Kompetenz oder Fleiß.
- Es geht dabei nicht um Passivität oder Aberglauben, sondern um Demut und Perspektive. Das Eingeständnis, dass Glück eine Rolle spielt, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Reife in der Führung. Hinter jedem unternehmerischen Meilenstein steht eine Kette von Zufällen, großzügigen Mentoren, unterstützenden Partnern – und oft schlicht gutem Timing. Wer das erkennt – und Dankbarkeit dafür empfindet – bleibt menschlich in einer Rolle, die leicht mechanisch werden kann.
Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab. Marcus Aurelius
Diese zeitlose Einsicht bringt auf den Punkt, wie eng unser innerer Zustand mit unserem äußeren Wohlbefinden verknüpft ist. Moderne Neurowissenschaften bestätigen diese alte Weisheit. Studien zur Neuroplastizität – also zur Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen und Gedanken zu verändern – zeigen: Wir können unser Denken gezielt so formen, dass es Resilienz und Zufriedenheit fördert. Eine Untersuchung der University of California fand heraus, dass unser Glück zu rund 50 % genetisch bedingt ist, zu 10 % von äußeren Umständen abhängt – und zu bemerkenswerten 40 % von unseren täglichen Handlungen und Denkgewohnheiten bestimmt wird.
Das bedeutet: Fast die Hälfte unseres Wohlbefindens hängt nicht vom Glück im klassischen Sinn ab, sondern davon, wie wir über Glück denken – von den bewussten Entscheidungen, die wir täglich treffen, um es wahrzunehmen, zu würdigen und darauf aufzubauen. Für CEOs wird dieses Bewusstsein in herausfordernden Zeiten besonders entscheidend. Wenn Märkte schwanken oder Krisen drohen, ist die Fähigkeit, den Überblick zu behalten und trotz Unsicherheit die positiven Aspekte zu erkennen, eine wesentliche Stärke.
- Eine aktuelle Studie der emlyon business school zeigt: Rund 60 % der Führungskräfte geben an, dass Glück eine bedeutende Rolle in ihrer Karriere gespielt hat. Viele beschrieben diese Glücksmomente als unerwartete Wendungen – Ereignisse, die ihren Werdegang nachhaltig beeinflussten, ob positiv oder negativ. Doch bis zu 40 % der Führungskräfte sind sich nicht bewusst, in welchem Mass Glück ihre Laufbahn geprägt hat. Diese Bewusstseinslücke ist bedeutsam. Führungskräfte, die Glück anerkennen, zeigen häufiger Empathie, Dankbarkeit und Offenheit – Eigenschaften, die sie zugleich erfolgreicher machen. Das Eingeständnis von Glück schmälert nicht die eigene Leistung – es erweitert ihren Kontext. Es erinnert daran, dass Erfolg zwar auf Vision, Können und Einsatz beruht, aber ebenso auf Timing, Umfeld und dem Beitrag anderer.
Für CEOs kann diese Erkenntnis gleichermassen erdend wie befreiend sein.
– Erdend, weil sie das Ego durch Perspektive ersetzt.
– Befreiend, weil sie daran erinnert, dass nicht alles kontrollierbar ist – und das ist in Ordnung.
Die Rolle der Dankbarkeit in Bezug auf Glück und Erfolg:
In komplexen Systemen und volatilen Märkten lernen die besten Führungskräfte, mit Unsicherheit zu tanzen, statt sie zu bekämpfen. Sie planen sorgfältig, bleiben aber offen für Zufälle. Sie jagen nicht nur Ergebnissen hinterher, sondern schaffen Bedingungen, in denen gute Dinge wahrscheinlicher werden – für sich selbst, ihre Teams und ihre Organisationen.
Dankbarkeit verankert die Haltung einer Führungskraft im Bewusstsein statt in der Kontrolle. Eine dankbare Führungskraft hört anders zu. Sie gestaltet Meetings nicht als Kontrollrituale, sondern als Lernräume. Sie sieht Menschen nicht als Funktionen, sondern als Partner, deren Perspektiven die Organisation stärken. Sie würdigt nicht nur Resultate, sondern auch den Weg dorthin – den Einsatz, die Ausdauer und die kleinen Erfolge, die große möglich machen.
Strategisch gesehen hat diese Haltung messbare Effekte. Dankbarkeit – und das Bewusstsein für Glück, das sie begleitet – stärkt Vertrauen und psychologische Sicherheit. Wenn Menschen sich gesehen und wertgeschätzt fühlen, übernehmen sie Verantwortung, denken kreativer und arbeiten engagierter zusammen. Wird Erfolg hingegen als rein selbstgemacht betrachtet, entsteht leicht Arroganz, Schuldzuweisung und Kurzfristigkeit – die größten Feinde nachhaltigen Wachstums.
Das bewusste Anerkennen von Glück, Timing und den Beiträgen anderer fördert eine demütige, systemisch denkende Perspektive, die Entscheidungsqualität erhöht:
- Präzisere Risikoabwägung: Wer Glück anerkennt, erliegt seltener der Illusion vollständiger Kontrolle und trifft ausgewogenere strategische Entscheidungen.
- Weniger Überheblichkeit: Dankbarkeit dämpft Hybris – eine häufige Falle für Topmanager – und hält Entscheidungen faktenbasiert statt egozentriert.
- Größere Offenheit: Dankbare Führungskräfte begrüßen Feedback und Vielfalt der Meinungen – ein Motor für Innovation und Anpassungsfähigkeit.
Verhaltenspsychologische Forschung bestätigt: Dankbarkeit erweitert die kognitive Flexibilität und reduziert Abwehrhaltungen – zwei Schlüsselkompetenzen strategischer Intelligenz.
Wichtig ist: Dankbarkeit für Glück unterscheidet sich von Dankbarkeit für Leistung. Sie erkennt Verbundenheit und Zufall an, mildert das Ego und vertieft Empathie und moralisches Bewusstsein. Führungskräfte, die verstehen, dass Erfolg nie ausschließlich selbstgemacht ist, entwickeln ein stärkeres Verantwortungsgefühl – gegenüber ihren Mitarbeitenden, der Gesellschaft und der Zukunft. Diese Demut schwächt Autorität nicht, sie verleiht ihr Tiefe: Führung wird zur Haltung der Verantwortung, nicht der Kontrolle.
Die inspirierendsten CEOs, die ich kennengelernt habe, teilen eine gemeinsame Haltung: Sie streben konsequent nach Erfolg – aber sie halten inne, um ihr Glück wahrzunehmen. Sie schaffen Raum für Reflexion – beim morgendlichen Spaziergang, beim Schreiben ins Notizbuch oder in einem Moment des Dankes vor dem Team. Sie sagen: „Wir haben unser Bestes gegeben – und wir hatten auch Glück. Glück, dieses Team, diesen Moment, diese Gelegenheit zu haben.“ Dieses Bewusstsein schafft keine Selbstzufriedenheit, sondern Verbundenheit. Es macht Führung menschlich.
Vielleicht weist das Zitat aus der Zeit auf eine tiefere Wahrheit hin: Glück und Erfolg sind keine Gegensätze, sondern aufeinanderfolgende Erkenntnisstufen. Man jagt dem Erfolg hinterher, um sich zu beweisen – und entdeckt das Glück wieder, um sich zu erhalten. Ersteres baut die Karriere, letzteres die Weisheit.
Am Ende geht es in Führung nicht nur darum, den Gipfel des Erfolgs zu erreichen, sondern darum, auf dem Weg dorthin das Glück wahrzunehmen – denn die wahre Kunst der Führung liegt nicht darin, dem Glück hinterherzulaufen, sondern zu erkennen, wann es uns längst gefunden hat.
